Sextrend Karezza: Die sanfte Art zu lieben

Zusammenfassung

Sex ohne Orgasmus! Soll das ein Witz sein? Der Höhepunkt ist doch das beste am Sex, oder? Das dürften zumindest die Fans von Karezza anders sehen. Denn bei dieser Sexpraktik geht es um das Zelebrieren des Vorspiels. Der Höhepunkt steht hier nicht auf dem Programm – zumindest nicht als „Must-Have“. Was es mit diesem eigensinnigen Sextrend auf sich hat und ob es sich lohnt, die Orgasmus-Abstinenz in Kauf zu nehmen, wollten wir genauer wissen.

Was bedeutet Karezza?

Karezza stammt aus dem Italienischen. Hier steht „carezza“ für „Liebkosung“. Und das deutet schon an, worum es bei dieser Sexpraktik geht.

Was ist das Ziel von Karezza?

Der Orgasmus schon mal nicht. So viel ist klar. Was aber dann? Man könnte sagen, dass bei Karezza der Weg das Ziel ist. Denn es geht um das intensive Erleben von Nähe und Verbundenheit. Um das ganz bewusste Schenken und Empfangen von Liebe. Ziel ist der zärtliche Austausch von körperlichen Berührungen, mit denen sich Männer und Frauen ihre Liebe zeigen. Jede:r der Partner:innen ist in dieser Liebeskunst darauf bedacht, dass es dem:r anderen gut geht.

Ziel ist es weiterhin, die sexuelle Energie von Mann und Frau zum Fließen zu bringen und deutlich wahrzunehmen, wie sie die Partner:innen während des Liebesspiels miteinander verbindet. Die Partner:innen haben im Idealfall das Gefühl, durch Berührung energetisch zu einer Einheit zu verschmelzen. Sie fühlen sich als Eins. Dabei hilft die entspannte körperliche Liebe ohne Orgasmus-Druck. Fest steht: Die Karezza-Praxis ist eine gänzlich andere Art der Sexualität, als die, die uns geläufig ist.

Anleitung für Karezza

Für eine Karezza-Session solltet Ihr Euch bewusst viel Zeit nehmen. Zwei Stunden sind hier ein guter Richtwert. Sorgt für eine gemütliche Atmosphäre, in der Ihr Euch gut entspannen könnt. Dann zieht Ihr Euch aus und legt Euch nebeneinander. Schaut Euch tief in die Augen. Mache Dir bewusst, was Du an Deinem:r Partner:in liebst und versuche, diese starke Zuneigung zu spüren. Vielleicht sagst Du Deinem:r Partner:in in dem Moment auch, dass Du ihn:sie begehrst und liebst.

Dann kannst Du damit beginnen, ihn:sie sanft zu streicheln und ihn:sie auf den Mund und an anderen Stellen seines:ihres Körpers zu küssen. Wichtig ist bei Karezza aber, dass Ihr Eure Lust langsam steigert. Die Leidenschaft möchte bei dieser Technik langsamer geweckt werden. Eure Erregung wird dann weiter zunehmen. Früher oder später spürt Ihr den Wunsch nach Vereinigung.

Geschlechtsverkehr ist bei Karezza zwar erlaubt, der Orgasmus ist aber nicht das erklärte Ziel des Liebesspiels. Dein:e Partner:in sollte ganz langsam und sanft in Dich eindringen. Wenn Eure Erregung angestiegen ist, bricht Dein:e Partner:in die Penetration ab. Dann gebt Ihr Euch weiteren Streichel- und Kuscheleinheiten hin. Nach einiger Zeit könnt Ihr Euch wieder vereinigen und erneut vor dem Orgasmus abbrechen, um weitere Liebkosungen auszutauschen. So wird das Liebesspiel in die Länge gezogen und die Lust ins Unermessliche gesteigert. Bei Karezza verläuft die Erregungskurve also nicht linear, sondern wellenförmig. Die Erregung nimmt mal zu, ebbt dann wieder ab, ehe sie erneut an Intensität zunimmt.

Welche Sexstellungen eignen sich für Karezza?

Für die Kunst Karezza eignen sich Stellungen, bei denen die Partner:innen einander zugewandt sind. Denn so kann ein intensiver Blickkontakt und die notwendige Intimität hergestellt werden. Tipp: Der Mann verwöhnt die Frau in der Missionarsstellung. Denn diese ist gut geeignet, um sich auch seelisch nahe zu sein. Alternativ sitzt der Mann an der Bettkante und empfängt seine Frau auf seinem Schoß. In dieser intimen Pose können sich Mann und Frau ebenfalls sehr nahe sein, indem sie sich innig umarmen. Ihr könnt aber auch viele andere Stellungen wählen. Am besten testet Ihr einfach aus, was dem Wirken magnetischer Kräfte entgegenkommt. Wichtig: Allzu kompliziert sollten die Stellungen nicht sein, denn dann wird es schwierig mit der Entspannung.

Für wen ist Karezza besonders geeignet?

Grundsätzlich kann jedes Pärchen Karezza ausprobieren. Die Liebe ausgiebig zu feiern, ist schließlich immer gut. Doch besonders eignet sich die Technik für Paare, die schon lange in ihrer Beziehung sind und an deren Sexleben der Zahn der Zeit genagt hat. Um das Sexleben wieder aufzupeppen, ist Karezza ideal. Es kann faszinierend sein, wenn Du Deinem:r Partner:in nach vielen Jahren wieder tief und lange in die Augen schaust. Steckt Ihr gerade in einer Beziehungskrise, ist die große Nähe eher nicht empfehlenswert. Auch wenn Ihr auf einen Quickie aus seid, ist Karezza nicht die richtige Methode.

Die Vorteile von Karezza

Karezza nimmt jeglichen Performance-Druck aus der Sexualität. Es muss nicht zum Orgasmus kommen, sodass keine Versagensängste entstehen. Beide Partner:innen können sich komplett fallenlassen, die angenehmen Berührungen sowie die tiefe Verbindung zum:r Partner:in genießen.

Wie ist die Liebeskunst Karezza entstanden?

Der US-amerikanische Sozialist John Humphrey Noyes suchte als Anhänger der freien Liebe im 19. Jahrhundert nach Wegen, Sex von seiner Funktion, Nachwuchs zu zeugen, zu entkoppeln. Ihm ging es darum, den Orgasmus beim Geschlechtsverkehr zu unterdrücken, sodass eine Schwangerschaft ausbleibt und das Paar sich nur am Sex erfreuen kann. Auch war es ihm wichtig, die strömende sexuelle Energie länger aufrechtzuerhalten und sie nicht durch den Höhepunkt zum Stillstand zu bringen.

Noyes gilt als „Erfinder“ dieser Technik, jedoch nicht als Namensgeber. Das ist die Ärztin Alice Bunker Stockham, die der Praktik zehn Jahre nach dem Tod von Noyes ihren heutigen Namen gab. Sie verfasste auch ein Buch zu dem Thema. Auch der US-amerikanische Anarchist J. William Lloyd, ebenfalls ein Anhänger von Karezza, veröffentlichte ein Buch zum Thema mit dem Titel: „Karezza-Praxis. Liebe als Austausch magnetischer Kräfte. Die Kunst ehelicher Liebe. Der Liebende als Künstler der Berührung.“